

27.03.2026
Endometriose: Wenn Regelschmerzen nicht mehr "normal" sind
Starke Menstruationsbeschwerden, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder ein unerfüllter Kinderwunsch, hinter diesen Symptomen kann Endometriose stecken.
Die Erkrankung betrifft fast jede zehnte Frau, wird aber oft erst spät erkannt. Dr. Harald Hipp, Erster Oberarzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe im Krankenhaus Spittal/Drau, erklärt, warum eine frühe Abklärung so wichtig ist und welche modernen Behandlungsmöglichkeiten die Endometriose-Ambulanz in Oberkärnten anbieten kann.
OKN: Herr Dr. Hipp, was genau ist Endometriose?
EOA Dr. Harald Hipp: Endometriose ist eine der häufigsten gutartigen Erkrankungen bei Frauen vor den Wechseljahren. Man geht davon aus, dass bis zu zehn Prozent aller Frauen betroffen sind. Die Dunkelziffer ist vermutlich höher, weil viele Fälle nicht erkannt oder lange nicht richtig eingeordnet werden.
OKN: Welche Beschwerden treten typischerweise auf?
Hipp: Das Hauptsymptom sind starke Schmerzen während der Menstruation. Patientinnen berichten von so extremen Regelschmerzen, dass diese sogar bis zum Kreislaufkollaps führen können. Dazu kommen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr sowie Beschwerden beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang. Die Schmerzen treten überwiegend während der Regel auf, können aber auch an anderen Tagen bestehen. Ein weiterer Indikator ist oft ein unerfüllter Kinderwunsch.
OKN: Was verursacht diese starken Schmerzen?
Hipp: Bei der Endometriose wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter, häufig im Bauchraum. Dieses Gewebe verhält sich wie normale Schleimhaut und blutet während der Menstruation ab. Das Blut kann jedoch nicht abfließen. Es entstehen Entzündungen, Gewebsveränderungen und starke Schmerzen. Besonders schmerzhaft ist es, wenn das Gewebe am Bauchfell sitzt, weil dort sehr viele Nerven verlaufen. Es gibt auch die sogenannte tief infiltrierende Endometriose. Dabei wächst das Gewebe tief in umliegende Organe wie Darm, Blase oder Harnleiter ein.
OKN: Welche Auswirkungen hat die Erkrankung auf das Leben der Betroffenen?
Hipp: Die Belastung ist oft enorm. Viele Frauen leiden nicht nur körperlich, sondern auch im Alltag und im Berufsleben. Wiederholte Krankenstände führen nicht selten zu Unverständnis im Arbeitsumfeld. Umso wichtiger ist es, die Beschwerden ernst zu nehmen und nicht als übertriebene Empfindlichkeit abzutun.
OKN: Was raten Sie Frauen, die solche Symptome bei sich beobachten?
Hipp: Wichtig ist, das Thema aktiv beim Frauenarzt oder bei der Frauenärztin anzusprechen. Auch wenn man nicht direkt danach gefragt wird. Starke Schmerzen während der Menstruation sind nicht normal! Zunächst erfolgt die Abklärung bei der niedergelassenen Fachärztin oder dem Facharzt. Bei Bedarf werden die Patientinnen an unsere Endometriose-Sprechstunde im Krankenhaus Spittal/Drau überwiesen.
OKN: Wie wird Endometriose behandelt?
Hipp: In den meisten Fällen beginnen wir mit einer konservativen Therapie. Dazu gehören Schmerztherapien und hormonelle Behandlungen. Ziel ist es, den Zyklus zu unterdrücken, damit es gar nicht erst zur monatlichen Blutung kommt. Das kann zum Beispiel mit speziellen Hormonpräparaten oder einer Hormonspirale erfolgen. Bleibt die Regelblutung aus, bessern sich die Beschwerden häufig deutlich.
OKN: Und wenn das nicht hilft?
Hipp: Wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen oder eine tief infiltrierende Form der Endometriose vorliegt, kann eine Operation notwendig werden. Gründe dafür sind starke Schmerzen, drohende Organschäden oder ein unerfüllter Kinderwunsch.
OKN: Wie sind die Heilungsaussichten?
Hipp: Die genaue Ursache der Endometriose ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es gibt verschiedene Theorien, unter anderem genetische Ansätze. Wir können die Erkrankung also nicht heilen, aber sehr gut behandeln. Endometriose ist eine chronische Erkrankung, das heißt, sie kann leider immer wieder auftreten. Umso wichtiger ist eine frühe Diagnose. Gerade bei Kinderwunsch spielt der Zeitpunkt eine entscheidende Rolle. Je früher wir eingreifen, desto besser sind die Chancen.
OKN: Welche Möglichkeiten bieten Sie im Krankenhaus Spittal/Drau?
Hipp: Wir bieten in Spittal das gesamte Spektrum der operativen Endometriose-Therapie an. Manche Eingriffe sind sehr aufwendig und erfordern viel Erfahrung. Die Endometriose-Ambulanz wird von Frau Dr. Kegele und mir geleitet. Das gesamte gynäkologische Team ist eingebunden, um unsere Patientinnen optimal und umfassend, entsprechend der neuesten Leitlinien, behandeln zu können. Bei komplexen Fällen arbeiten wir auch eng mit unserer Chirurgie zusammen. Ein großer Vorteil in Spittal sind die kurzen Wege. Das Kinderwunschinstitut von Dr. Kaimbacher befindet sich direkt gegenüber. Der Austausch funktioniert in beide Richtungen sehr gut und kommt unseren Patientinnen zugute.
OKN: Ihr wichtigster Appell an unsere Leserinnen?
Hipp: Nehmen Sie starke Schmerzen ernst. Es ist nicht normal, regelmäßig Schmerzmittel einnehmen zu müssen oder beim Geschlechtsverkehr Schmerzen zu haben. Durchschnittlich dauert es sieben bis zehn Jahre bis zur Diagnose. Das ist viel zu lange. Sprechen Sie Ihre Beschwerden aktiv an und bestehen Sie auf Abklärung. Endometriose ist häufig, aber gut behandelbar. Und je früher wir sie erkennen, desto besser können wir helfen.
Endometriose auf einen Blick
Gutartige, aber oft schmerzhafte Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst.
Wer ist betroffen?
Bis zu 10 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter. Die Dunkelziffer ist hoch.
Typische Symptome:
- Sehr starke Regelschmerzen
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr
- Schmerzen beim Wasserlassen oder Stuhlgang
- Chronische Unterbauchschmerzen
- Unerfüllter Kinderwunsch
Wichtig zu wissen: Bis zur Diagnose vergehen im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre. Starke Schmerzen während der Menstruation sind nicht normal und sollten ärztlich abgeklärt werden.
Behandlung im Krankenhaus Spittal/Drau:
Spezialisierte Endometriose-Sprechstunde, moderne konservative Therapien und bei Bedarf operative Behandlung auf hohem fachlichem Niveau. Unsere enge Zusammenarbeit mit dem Kinderwunschinstitut direkt gegenüber sorgt für optimale Betreuung bei unerfülltem Kinderwunsch.
Bild 1: Dr. Harald Hipp, Erster Oberarzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe
Bild 2: “Durchschnittlich dauert es sieben bis zehn Jahre bis zur Diagnose. Das ist viel zu lange. Sprechen Sie Ihre Beschwerden aktiv an und bestehen Sie auf Abklärung“ (Dr. Harald Hipp)
(Fotos: Krankenhaus Spittal/Drau)